Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945, Teil 1

Klaus Kastberger
Leiter Franz-Nabl-Institut/Literaturhaus Graz
Vorträge und Diskussion
Klaus Zeyringer: Zum Hundertsten. Vorgeschichte und Nachbetrachtung
Zwei literarhistorische Möglichkeiten, eine knappe Kanon-Reflexion, ein Rückblick ins Jahr 1995 zum Projekt einer Literaturgeschichte Österreichs, im Vergleich zu den Grundbüchern, und Anregungen für das Grundbücher-Projekt.
Michael Hammerschmid: „Der Traum ist ein Papier“. Für eine „multilaterale“ Literaturgeschichtsschreibung
Idealtypisch ließen sich die baukastenartigen Grundbücher als Collage mit großem Vernetzungspotenzial beschreiben, in dem quasi von jedem Punkt zu jedem anderen navigiert werden kann. Der Beitrag möchte von diesem Gedanken aus mit Fokus auf die Lyrik/-Beiträge Ansätze einer „multilateralen“, d.h. genauso springenden wie bindenden Lektüre anbieten und die Möglichkeiten dieser Verbindungs- und Assoziationsarbeit methodisch reflektieren.
11 Uhr
Vorträge und Diskussion
Rebecca Wismeg-Kammerlander: Bruchstücke der Vergangenheit – fragmentarische Erinnerung in Monika Helfers Die Bagage
Gemeinsam werfen wir einen Blick auf Monika Helfers Roman Die Bagage und auf dessen Umgang mit fragmentarischer Erinnerung. Es soll gezeigt werden, wie das Erzählen in Bruchstücken Leerstellen in individueller sowie kollektiver Erinnerung sichtbar machen kann. Im Dialog mit Werken von Autor:innen wie Raphaela Edelbauer oder Arno Geiger wird diskutiert, wie zeitgenössische österreichische Literatur eine mangelhafte nationale Erinnerungskultur reflektiert und kritisch aufzuarbeiten versucht.
Joanna Drynda: (Un)heilige Familie. Möglichkeiten und Grenzen der Selbstentwürfe, die aus der Abhängigkeit von der Familie resultieren
Das 20. Jahrhundert stellt die Familie vor eine Zerreißprobe, die Erfahrung des Verlustes von familiären Bindungen geht aber mit dem Wunsch einher, diese durch das Erzählen festzuhalten oder zu überprüfen. Am Beispiel der Werke von M. Helfer, A. Mitgutsch, S. Scholl, M. Haderlap, M. Schreiner und N. Gstrein soll den Identitätsentwürfen nachgegangen werden, die aus der Abhängigkeit von Familie entstehen, ohne den Anspruch zu erheben, ein normatives Konzept familiengebundener Identität zu etablieren.
14 Uhr
Vorträge und Diskussion
Uta Degner: Gesten der Hand – in Haushofers Wand und anderswo
Ausgehend von Marlen Haushofers Roman Die Wand geht der Beitrag der Bedeutung der ‚Hand‘ insbesondere bei Autorinnen der Grundbuchreihe nach. Die Bedeutung der Handgesten wird dabei in zwei Richtungen verfolgt: zum einen in Hinblick auf ihr Freiheits- und Emanzipationspotential – welche Dinge werden in die eigene Hand genommen? Inwiefern sind die Protagonistinnen in der Hand von anderen? –Zum anderen in Bezug auf die literarische Faktur des Textes, seine Maniera.
Birgit Nübel: Marlene Streeruwitz’ Vom Leben der Hamster in Schuhschachteln (2001/02) als Metatext der (österreichischen) Kultur- und Literaturgeschichte
Streeruwitz’ poetologische Essayistik überschreitet Oralität und Schriftlichkeit, Politik und Kunst, Literatur und Kritik. Schuhschachtel 1 wendet sich gegen ein Denken und Leben in Schuhschachteln, die dem Transport (transgenerativ), der Aufbewahrung (Tradierung), Wiederverwertung (Kanonisierung) und Kategorisierung (Autor, Epoche, Gattung) dienen. Dabei werden die nicht erzählte Geschichte der Macht und die Fortführung des Krieges zum Konstituens der Kultur.
16 Uhr
Vorträge und Diskussion
Deborah Holmes: ‚Grundbücher‘ in der Schule
Welche Rolle spielt Literatur – vor allem österreichische Literatur – im Unterricht an österreichischen Schulen heute? Die Entstehung der ‚Grundbücher‘-Reihe fällt in eine Zeit der Reformen in Schulwesen und Lehramtsstudium, die sich wiederum auf die österreichische Germanistik im Allgemeinen und die Literaturwissenschaft im Besonderen auswirken. Vorstellungen von ‚Schullektüre‘ verändern sich. Welche ‚Grundbücher‘ behaupten sich in der Schule und warum?
Carsten Otte: Lesen die Deutschen die falschen Österreicher? Die Rezeption des österreichischen Literaturkanons in DDR und BRD
Wie wurden die Grundbücher der österreichischen Literatur nach 1945 in Deutschland rezipiert und wie wirkte sich die deutsche Teilung auf die Rezeption der österreichischen Nachkriegsklassiker aus? Auffällig ist: Die Stars der österreichischen Literatur waren auch in Deutschland beliebt. Nicht wenige Werke aus Österreich, die eher der Experimentalliteratur oder der dialektalen Sprache zuzuordnen sind, haben im deutschen Literaturdiskurs eine geringe Rolle gespielt. Hat sich der Blick auf die österreichische Literatur inzwischen verändert? Lesen die Deutschen die falschen Österreicher?
18 Uhr
Vorträge und Diskussion
Stefan Alker-Windbichler: Authentizität. Eine trendige Kategorie im Sprechen über die Grundbücher
In den Analysen der Grundbücher kommt wiederholt eine aktuelle, vielleicht überraschende Kategorie zur Sprache: die Authentizität. Gemeint ist damit Verschiedenes: der Kick, den das Leben der Autorin gibt, besondere Sprachverwendung oder gelungene Erzählstrategien. In Gesprächen wird manchmal fast gestritten, wie viel Verkleidung oder authentisches Kraftlackltum bei einem Autor im Spiel ist. Untersucht wird die Praxis der Zuschreibungen im spezifischen Setting zwischen Subjekt- und Werkbezug.
Axel Pichler, Günther Stocker: Vermessung der Grundbücher. Eine computergestützte Korpusanalyse österreichischer Literaturgeschichtsschreibung
Der Vortrag untersucht auf der Grundlage einer computergestützten Analyse der bis dato publizierten Grundbücher-Bände zentrale Textpraktiken der österreichischen Literaturgeschichtsschreibung. Ziel ist es, wiederkehrende Strukturen literaturhistorischer Darstellung sichtbar zu machen, die Aufschluss über implizite Annahmen, Wertungspraktiken und Kanonisierungsprozesse geben. Der Beitrag versteht sich damit als explorative Annäherung
Literaturhaus
Elisabethstraße 30, 8010 Graz
www.literaturhaus-graz.at
+43 (316) 380-8360
literaturhaus@uni-graz.at
Haltestelle Merangasse: Straßenbahnlinien 1,7; Buslinien 63,64,64E
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