Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945, Teil 2

Fr 10.4., 09:00 Uhr

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Sujet der Veranstaltung
9 Uhr
Vorträge und Diskussion
Fatima Naqvi: Schattenschweigen: Franz Riegers literarische Aufarbeitung des Euthanasieprogramms T4
Franz Riegers Schattenschweigen oder Hartheim (1985) behandelt auf eindringliche Weise das nationalsozialistische Euthanasieprogramm T4 im oberösterreichischen Schloss Hartheim. Dieser Vortrag setzt den Roman in ein Beziehungsgeflecht mit anderen Kunstwerken der 1970er- und 1980er-Jahre, die diesen Aspekt der österreichischen Geschichte aufarbeiten. Riegers kunstvolle Darstellung zeigt die Unmöglichkeit, das Programm T4 (ein Tarnname für die systematische Ermordung von Menschen mit psychischen oder körperlichen Behinderungen) zu verheimlichen.

Dana Pfeiferová: Von Natura Morta zu ,kontaminierten Landschaften‘: Zum Poetikwandel von Josef Winkler im literaturhistorischen Kontext
Die häretisch geprägten Todesmetaphern Josef Winklers dienen zur Kritik einer Gesellschaft, die im Namen des ,Gottes meiner Kindheit‘ junge Menschen in den Selbstmord treiben kann, werden jedoch auch als Mittel zur Bannung des Todes verwendet. In Natura Morta erreicht dieser rituelle Charakter seinen Höhepunkt, die Wucht der Vanitas-Bilder gipfelt in einer Pieta. In seinem letzten Antiheimatroman greift Winkler wiederum Martin Pollaks Topos einer kontaminierten Landschaft auf; die Nähe zu Jelineks Opus Magnum liegt auf der Hand.

11 Uhr
Vorträge und Diskussion
Sebastian Meißl: (Proto-)anthropozäne Skizzen: Krisennarrative und Ökodystopien bei Marlen Haushofer, Felix Mitterer und Kathrin Röggla
Der Beitrag entwirft eine literaturhistorische Perspektive auf ökologische Krisennarrative in der österreichischen Literatur nach 1945, indem er anthropozäne Schreibweisen bei Haushofer, Mitterer und Röggla vergleichend untersucht. Anhand der Grundbücher Die Wand, Die Piefke-Saga und die alarmbereiten wird gezeigt, wie literarische Texte auf ökologische Krisenerfahrungen reagieren und inwiefern diese als frühe Auseinandersetzungen mit anthropozänen Diskursen gelesen werden können.

Johann Georg Lughofer: Von „Flachlandtirolern“ und dem „kleinwüchsigen Gebirgsvolk“. Felix Mitterers Piefke-Saga im Kontext der Alpenliteratur
Der Beitrag zeigt, inwiefern der größte Publikumserfolg des Tiroler Autors Felix Mitterer, der vierteilige Fernsehfilm Die Piefke Sage von 1990 und 1993, in die Alpenliteratur einzuordnen ist. Nachgegangen wird dabei den einzelnen, von Mitterer aufgenommenen Motivsträngen der Literatur zu den Alpen, die sich gerade in Österreich schon lange extrem polarisiert zeigt – die Landschaft und Bevölkerung entweder bewundernd oder verdammend.

Daniela Strigl: Grundbuch über Grundbücher. Das Haus des Dichters (1992) und Hilde Spiels ferner, naher Blick auf das literarische Österreich
Als von Kakanien geprägte jüdische Wienerin, englische Essayistin und Remigrantin des Jahres 1963 war die über Jahrzehnte bedeutendste österreichische Kritikerin Hilde Spiel (1911-1990) der heimischen Nachkriegsliteratur fern und nah zugleich. Ihr Interesse umfasste Tradition und Avantgarde, Doderer wie die Wiener Gruppe, überhaupt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen; ein persönlicher Kanon, der Wirkung entfaltete, postum dokumentiert im Grundbuch Nr. 49 (hg. von Hans A. Neunzig).


Termine
10. April 2026, 9:00 - 14:00 Uhr


Literaturhaus
Elisabethstraße 30, 8010 Graz
www.literaturhaus-graz.at
+43 (316) 380-8360
literaturhaus@uni-graz.at
Haltestelle Merangasse: Straßenbahnlinien 1,7; Buslinien 63,64,64E


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